Gemeindechronik Neudorf
1878 - 2003
125 Jahre Gemeinde der
Evangelisch-methodistischen Kirche in Neudorf

125 Jahre Evangelisch-methodistische Kirche in Neudorf
Eine Gemeindechronik
Von John Wesley, dem Gründer des Methodismus, wissen wir, dass die Begegnung mit tiefgläubigen Geschwistern der Herrnhuter Brüdergemeine einen nachhaltigen Eindruck auf sein Leben hinterließ. Das getroste Verhalten der Herrnhuter während eines Sturms bei seiner Atlantiküberfahrt 1735 ließ in Wesley das Fragen nach seinem Glauben aufkommen. Während er von Todesangst befallen war und andere Passagiere vor Schrecken und Furcht schrieen, sangen die Herrnhuter „ Befiehl du deine Wege ...“.
Der Herrnhuter Prediger Peter Böhler war es schließlich, der Wesley durch seine Schriftauslegung den Weg zu seiner Bekehrung in der Versammlung in der Adlergatestraße in London führen sollte. Diese Erlebnisse lassen einiges von dem Einfluss erkennen, den diese deutsche Erweckungsbewegung auf die Entstehung des Methodismus hatte.
Herrnhuter Geschwister , die infolge des Rückganges der Herrnhuter Diasporaarbeit etwa ab der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr betreut wurden, waren es, die 1878 den Kern der entstehenden Methodistengemeinde in Neudorf bildeten. Bereits seit etwa 1840 kamen diese Geschwister im „Benediktschen Haus“ ( jetzt Karlsbader Straße 184) zu Privatversammlungen zusammen.
Sogar das Gerichtsamt Oberwiesenthal befasste sich mit dieser Angelegenheit und beauftragte den Neudorfer Pfarrer Petzold für die Abstellung dieser „Konventikel“ zu sorgen. Er sollte vorschlagen,
wie man das Übel bis auf den Grund ausrotten kann, denn Euer Hocherwürden ist selbst bekannt, dass bei der Reitzbarkeit der Einwohner hießiger Pflege, den besonderen Verhältnissen, in denen Sie leben, die es nicht gestatten, das die Nüchternheit des Verstandes auf irgendeine Weise getrübt und umnebelt werde, bei der geringen Auswahl und Unzulänglichkeit der Mittel, die sie für die Erreichung ihres Lebenszweckes besitzen, alles dasjenige beseitigt und entfernt gehalten werden muss, was ihren Frieden stören, sie von einem arbeitsamen Leben, ohne welches es kein Heil für sie gibt, abführen und statt die ohnehin noch bei den Meisten im Kindesalter stehenden Anlagen und Gaben ihres Geistes zu entwickeln, vielmehr zu einem, gewöhnlich von Mutlosigkeit begleiteten Hinbrüten über Ihre Verhältnisse oder auch zu einem völlig nutzlosen Grübeln über Glaubensdogmen fortwährend anregen kann.
Petzolds Nachfolger, Pfarrer Dillner , der sich 1853 erneut nach Aufforderung des Oberwiesenthaler Gerichtsamtes mit der Angelegenheit befassen musste, stellte herrnhutische Einflüsse bei den Versammlungen im „Benediktschen Hause“ fest. Die Tradition unserer Gemeinde reicht also mindestens 30 Jahre über die Begegnung mit der methodistischen Erweckungsbewegung hinaus. Bereits 1846 bei der Aufforderung zur Ausrottung des Übels an Pfarrer Petzold waren die Versammlungen im „ Benediktschen Hause“ ausdrücklich erwähnt worden.
Im Jahre 1878 bekam der methodistische Bibelbote August Schmidt, auch Bibel-August genannt mit den Herrnhuter Diasporageschwistern im Haus der Eheleute Benedikt in Neudorf in Kontakt. Der Bibel-August hatte seit 1875 im benachbarten Walthersdorf Versammlungen abgehalten. Außer in Neudorf traf August Schmidt auch im Bärensteiner Ortsteil Stahlberg auf eine Gruppe von Christen, die sich außerhalb der Kirche oft trafen um über Dinge des Glaubens zu sprechen. Man versammelte sich dort im Hause von Laudon Schmiedel, der wenig später selbst nach Neudorf zog. Bemerkenswert ist, das die Stahlberger Geschwister umgehend einen „Verein für christliche Liebestätigkeit zu Stahlberg und Umgebung“ gründeten. Damit sollte ein legales Zusammenkommen auf der Basis des Vereinsrechtes möglich werden. August Schmidt war wohl durch ein in Walthersdorf und an anderen Orten verhängtes Versammlungsverbot zu diesem Schritt gekommen. Der Verein hatte das Recht, regelmäßig sonntags 15 Uhr zu Versammlungen zusammenzukommen und Freunde einzuladen. Zwischen dem Stahlberger Verein und den Neudorfer Geschwistern bestanden feste Verbindungen. Die Neudorfer besuchten die Versammlungen in Oberbärenstein und trafen sich regelmäßig montags im Benediktschem Haus. Auch im Neudorfer Unterdorf besuchte der Bibel-August Versammlungen im Zierold-Haus (jetzt Karlsbader Straße 10). Zunächst gab es auch in Unterwiesenthal und in Cranzahl ähnliche Zusammenkünfte, die aber bald unterblieben. Dafür wuchs der Neudorfer Kreis und die Verbindung zur Methodistenkirche, die durch Amerika-Rückwanderer nach Sachsen gekommen war, wurden gefestigt.

August Schmidt
Bibel August
Bereits 1879 besuchte der erste methodistische Prediger die Versammlungen in Neudorf . Es war Prediger Hermann Kehl, der 1879 nach Schwarzenberg versetzt worden war. Am 8.November 1879 wurden in Neudorf die ersten Probeglieder in die Bischöfliche Methodistenkirche aufgenommen.
Im Jahr 1880 wurde der Chemnitzer Bezirk der Methodistenkirche gebildet, dem neben einigen Gemeinden aus der Zschopauer Gegend auch die obererzgebirgischen Gemeinden Walthersdorf, Stahlberg und Neudorf zugeteilt wurden. Prediger Carl Heinrich Burkert betreute den Bezirk von Chemnitz aus von 1880 bis 1882.
Im Juli 1882 verbot die Annaberger Amtshauptmannschaft die Vereinsversammlungen des Stahlberger Liebestätigkeits-Vereines, weil er nur methodistische Agitation betreibe. Sie stellte dazu fest:
Überhaupt gewinnt es den Anschein, als wenn der gedachte Verein den durch seine Statuten ihm vorgeschriebenen Hauptzweck, christliche Liebestätigkeit zu üben, fast ganz und gar aus dem Auge verliert und seine Aufgabe hauptsächlich die Veranstaltung von Versammlungen sein lässt, in welchen er
den Methodisten willig, wenn nicht geflissentlich Gelegenheit gibt, Proselytenmacherei zu betreiben .
In einer vom Kultusministerium in Dresden angeordneten Vernehmung der beiden Prediger Burkhard, der seit 1882 von Schwarzenberg aus die Stationen Neudorf und Stahlberg betreute, und Ernst Schmidt der den Chemnitzer Bezirk übernommen hatte, betonten diese, dass die Vereinsversammlungen stets gemäß den Statuten abgehalten worden wären. Die Kreishauptmannschaft Zwickau betrachtete in Ihrem Bericht an das Kultusministerium die Abhaltung methodistischer Gottesdienste trotzdem als erwiesen.
... da diese Versammlungen ausschließlich religiöse Vorträge zum Zwecke hatten, mit gemeinsamen Gesängen unter Benutzung geistlicher Liederbücher und mit Gebet eingeleitet und geschlossen wurden, mithin den Charakter von Gottesdiensten haben...
Von einer Bestrafung sah das Kultusministerium aus Mangel an Beweisen ab.
Der Gesang, besser das Abhalten von Singstunden in Neudorf sollte jedoch nur zwei Jahre später zur empfindlichen Bestrafung von Bruder Carl Friedrich Laudon Schmiedel führen. Je 30,-- Reichsmark für 2 Singstunden an Wochentagen und 40,- RM für eine am Sonntag abgehaltene war das Strafmaß. Zusammen mit den Gerichtskosten ergaben sich für C.F.L. Schmiedel ein Gesamtschaden von etwa 200 RM. Die Höhe der Strafe kann man ermessen, wenn man bedenkt, das im „Evangelisten“, dem damaligen Kirchenblatt der Methodisten, Spenden von 20,25 und 30 Pfennigen als Liebesgaben für Bruder Schmiedel quittiert wurden. Möglicherweise waren dies die teuersten Singstunden in der methodistischen Sängerarbeit, die damals am Beginn des Wirkens unseres Kirchenchores standen. Neben der Veröffentlichung des Straffalls Schmiedel durch den Sängervater des deutschen Methodismus Ernst Gebhard im „Evangelist“ am 6.12.1984 und im „Sängergruß“, hatte dieser den Vorfall auch im Bericht vom 25.Oktober an die Distriktsversammlung erwähnt In einem „Kurzen Rückblick auf die Entstehung des Methodismus in Neudorf“, eines durch Ernst Süß an die III. Vierteljahreskonferenz des Annaberger Bezirkes 1912 gegebenen Berichtes lesen wir: Das Ergebnis war, dass wir aus 5 Erdteilen 500 RM zur Tilgung dieser Strafe erhielten. Die angestrebte Wirkung, die methodistische Bewegung einzudämmen oder gar zu beseitigen, wurde durch dieser Strafe nicht erreicht. Im Gegenteil: Die Strafmaßnahme und eine durch Pfarrer Adolf Kummer abgehaltenen Hausväterversammlung, in der vor der Beteiligung an den Konventikeln öffentlich gewarnt wurde, führten dazu, dass
am 18.März 1884 die ersten 8 Neudorfer ihren Austritt aus der evangelisch- lutherischen Landeskirche erklärten , um am 25.März als Glieder in volle Verbindung in die bischöfliche Methodistenkirche eintreten zu können. Pfarrer Kummer beschreibt diesen Vorgang in seiner Chronik der Parochie Neudorf, die er 1899 zum 300-jährigen Bestehen der Ortskirche verfasste. Im Jahr 1884 traten insgesamt sogar 22 und in Bärenstein (Stahlberg) 8 Personen aus der Landeskirche aus und der Methodistenkirche bei. Im methodistischen Kirchenbuch tauchen in Neudorf die Namen Köhler, Oeser, Süß, Seidel und Benedikt auf und in Stahlberg tritt die gesamte Familie des Laudon Schmiedel der Methodistenkirche bei. Im April 1885 stellt Philipp Lutz, der Prediger des Zwickauer Bezirkes für eine Reihe von Orten, u. a. auch für Neudorf den Antrag auf Anschluss an die Gesellschaften des Zwickauer Bezirkes der Methodistenkirche in Sachsen.
Im November erteilt das Kultusministerium die Befugnis,
die auf der Eigenschaft eines methodistischen Predigers beruhenden geistlichen Amtshandlungen, jedoch mit Ausschluss von Gottesdiensten vorzunehmen .
Die Zusammenkünfte der Methodisten durften damit nur den Charakter von Hausandachten tragen, wobei die Anwesenheit gemeindefremder Personen untersagt war.
Zur besseren Betreuung der Neudorfer Gemeinde wohnte damals Prediger-Gehilfe H.Günter in Neudorf. Die Stube im Haus von Christiane Wilhelmine Benedikt konnte die Versammlungsbesucher nicht mehr aufnehmen. Ernst Süß schreibt dazu:
Da forderte mich Schwester Demmler auf, ein Haus zu bauen, aber ich hatte kein Geld. Nachdem sie auch für das Finanzielle gesorgt hatte , fing ich zu bauen an. Durch Gottes Gnade konnten wir zum Kirchweihfest 1886 den Saal einweihen.
Der Saal befand sich im Haus am Bahnhof ( heute Karlsbader Straße 213, Haus von Edgar Haase ).
In diesem Saal begann man auch mit der Kinderarbeit. Über den schwierigen Start der methodistischen Sonntagschule in Neudorf berichtet Ernst Süß:
Nachdem wir einige Zeit Sonntagschule gehalten hatten, beschwerte sich der Ortsbürgermeister und ein Gemeinderatsmitglied darüber. Als auch dies nichts half, erschien schließlich die Polizei mit dem Bürgermeister und schrieben die Kinder auf, die die Sonntagschule besuchten. Dabei wurde so geflucht und mit gemeinen Redensarten herumgeworfen, dass sich alle Anwesenden in höchster Aufregung befanden. Schließlich sagte Vater Schmiedel ; wenn das seine Majestät wüsste, wie sich seine Beamten benehmen, würde er bestimmt anders verfahren, und ich fügte hinzu, dass ich das Fluchen in meinem Hause nicht dulde. Daraufhin wurden wir angezeigt.
Vor Gericht wurden 2 der 3 vorgeschlagenen Zeugen wegen verwandtschaftlicher Beziehungen zu den Angeklagten abgelehnt und schließlich Ernst Süß und Laudon Schmiedel zu je 14 Tagen Gefängnis verurteilt. Ein Gnadengesuch bewirkte, dass die Strafe in 300 Reichsmark Geldbuße umgewandelt wurde. Doch auch diese Verfolgungen hielten die Entwicklung der Gemeinde nicht auf. Die Gemeinde erlebte, dass Strafen und Verfolgung dem Lauf des Evangeliums keinen Einhalt gebieten können. Sie wuchs so schnell, dass bereits vier Jahre nach seiner Einweihung der Saal im Haus von Ernst Süß die Versammlung nicht mehr fassen konnte.
Den Beginn der Arbeit des Posaunenchores können wir auf Grund eines Briefes von Oswald Oeser aus dem Jahr 1967 auf das Jahr 1889 datieren. Die ersten Übungsstunden fanden im Benediktschen Haus statt. Oswald Oeser berichtet darüber:
Wie wir zum ersten Mal bei Mutter Benedikt den Choral „ Wie schön leuchtet der Morgenstern ...“ bliesen und wie wir fertig waren hat alles gelacht. Wir wussten nicht wie wir geblasen hatten. Wir waren 6 bis 8 Bläser, haben uns aber nicht abbringen lassen. In einigen Wochen konnten wir schon ganz schön spielen. Mit der Zeit war der Chor gewachsen und wir hatten den besten Bläserchor im Erzgebirge. Später beteiligten sich neben den Blechbläsern auch Holzbläser und Streicher an dieser Chorarbeit und es entstand ein ordentliches Orchester.
Während in Stahlberg, wohl auch durch das Umziehen einiger Geschwister nach Neudorf das Werk stagnierte und die Versammlungen in Cranzahl und Unterwiesenthal zunächst gänzlich einschliefen, wurde die Gemeinde in Neudorf zum Zentrum des Methodismus im oberen Erzgebirge. Von Neudorf aus wurde 1888 die Gemeinde in Annaberg gegründet und auch an der Entstehung der Gemeinde in Geyer 1889 hatten Neudorfer Methodisten nennenswerten Anteil. So berichtet Max Frei in seinem kurzen Abriss der Gemeindechronik, den er 1953 zum 75-jährigem Gemeindejubiläum gab, dass der Neudorfer Chor sich zur Gründungsfeier der Gemeinde Geyer zu Fuß auf den Weg gemacht hatte, um den Gottesdienst mit auszugestalten. Dieser Gottesdienst war jedoch inzwischen verboten worden und man hielt eine kurze Andacht unter Lärm und Gejohle der Umstehenden. Es kam sogar zu tätlichen Auseinandersetzungen, so dass die Brüder die Schwestern in Ihre Mitte nehmen und Geyer wieder verlassen mussten. Die aufgebrachte Menge verfolgte die Neudorfer Sänger bis nach Siebenhöfen mit Schimpfen und Steinwürfen. Max Frei hatte diese Begebenheit nach mündlicher Überlieferung älterer Gemeindemitglieder nacherzählt. Tatsächlich findet sich im Stadtarchiv Geyer eine Aktennotiz von Wachtmeister Nestler vom 19.1.1889 sowie Schreiben an Methodistenprediger Bank in Annaberg und dem Stadtrat in Geyer die diese tätlichen Ausschreitungen belegen.
Aufsichtsprediger des Schwarzenberger Bezirkes, zu dem Neudorf damals gehörte, war von 1886 bis 1890 Ernst Puklitzsch. 1890 kam Engelbert Wunderlich, der Sohn von Friedrich Wunderlich, des Begründers des sächsischen Methodismus und Vater des späteren Bischofs Dr. Friedrich Wunderlich nach Schwarzenberg.
Die Platznot in den Versammlungen im Haus von Ernst Süß war inzwischen so bedrängend geworden, dass eine neue Lösung gefunden werden musste. Im kurzen Rückblick von Ernst Süß lesen wir dazu:
Dann kam Schwester Demmler wieder zu mir und frug mich, ob sie bei den Geschwistern eine Sammlung für den späteren Bau einer Kapelle ins Leben rufen solle. Ich war damit einverstanden und darauf führte sie die Spenden-Sammlung bei den Geschwistern durch und erreichte eine Summe von 800 Reichsmark. Als ich ihr dann sagen mußte, dass dieser Betrag noch nicht ausreichte, ließ sie sich keineswegs entmutigen, sondern begann von Neuem zu sammeln und erhöhte später die Summe auf 1300 RM. Die wiederholt erwähnte Schwester Demmler, die sich so um die Finanzierung der Versammlungsstätten unserer Gemeinde verdient gemacht hatte, verzog 1901 nach Bernsbach, so dass ich bereits bei meinen Recherchen 1978 niemand mehr finden konnte, der diese Frau noch kannte.
Zunächst suchte man nach einem geeigneten Bauplatz für die Kirche, den man kaufen wollte. Schließlich konnte sich die Gemeinde das Geld dafür sparen, da Wilhelmine Benedikt einen Teil Ihres Grundstückes an die Gemeinde verschenkte. So steht heute unsere Zionskirche unmittelbar neben dem erwähnten Benediktschen Hause, in dem die Gemeinde entstanden war.
Im Frühjahr 1891 wurde ein Lokal-Bau-Komitee für Neudorf bestimmt. Die eingereichten Baupläne wurden der Norddeutschen Jährlichen Konferenz der Methodistenkirche, zu der der Schwarzenberger Bezirk mit Neudorf gehörte, vorgelegt. Sie wurden allesamt abgelehnt. Daraufhin entschloss sich Albert Süß, die Kapelle auf seinen eigenen Namen bauen zu lassen. Ein nicht unbedeutender Gesichtspunkt für die Ablehnung des Baues durch die Konferenz war sicher die Tatsache, dass es zu dem Zeitpunkt für Neudorf noch immer keine Genehmigung zum Abhalten methodistischer Gottesdienste gab. In ganz Sachsen besaßen dieses Privileg damals nur 6 Orte. Im Erzgebirge hatte lediglich Schwarzenberg dieses Vorrecht, weshalb an Festtagen und auch an vielen Sonntagen viele Neudorfer Methodisten zu Fuß nach Schwarzenberg pilgerten. Dort war 1983 die erste Methodistenkirche in Sachsen eigeweiht worden. Mitte des Jahres 1891 begannen die Methodisten in Neudorf, ihre Kapelle zu bauen. Bereits am 11.Oktober des gleichen Jahres konnte sie eingeweiht werden.


Die 1891 erbaute Kapelle
Durch den Kapellenbau hatte sich nun eine brisante Situation ergeben. Die Gemeinde besaß ein eigenes Gotteshaus, in dem sie auch Gottesdienste abhielt, die aber eigentlich nur Andachten sein durften. Das Kultusministerium in Dresden sprach über das Schaffen vollendeter Tatsachen sein Missfallen aus und traf Vorkehrungen, künftig ähnliche Fälle zu verhindern. Die Kreishauptmannschaft Zwickau musste im Mai 1892 alle Amtshauptmannschaften, besonders aber die in Annaberg informieren, dass künftig Genehmigungen zum Bau methodistischer Bethäuser nur dann erteilt werden dürfen, wenn für die betroffenen Orte auch das Abhalten methodistischer Gottesdienste genehmigt war.
Am 16.August 1891 erteilte das Ministerium dann doch die Genehmigung zum Abhalten methodistischer Gottesdienste in Neudorf und legalisierte damit den bestehenden Zustand. Der Kirchenbau festigte damals die zentrale Stellung der Neudorfer Gemeinde im oberen Erzgebirge. Amtshandlungen wie Trauungen und Taufen für den östlichen Teil des Schwarzenberger Bezirkes wurden damals in der Neudorfer Kapelle abgehalten. Zu diesen Anlässen kamen Methodisten aus Crottendorf, Sehma, Stahlberg, Walthersdorf, Annaberg, Mildenau und Geyer nach Neudorf. Die Vierteljahreskonferenzen des Schwarzenberger Bezirkes fanden nun abwechselnd in Schwarzenberg und Neudorf statt.

1895 kommt Hermann Böttcher als Prediger nach Schwarzenberg. Die Konferenz beschließt 1897 in Kassel, den Schwarzenberger Bezirk zu teilen. Der Annaberger Bezirk mit den Gemeinden Neudorf, Crottendorf, Sehma, Walthersdorf, Annaberg, Königswalde, Elterlein und Geyer wird gebildet. Der Bezirk gehörte zum Berliner Distrikt der Norddeutschen Jährlichen Konferenz. Erster Aufsichtsprediger wird Arthur Voigt. Der Bezirk hatte 65 Glieder und 127 Probeglieder. Davon gehörten 45 Glieder und 25 Probeglieder zu Neudorfer Gemeinde.
Besonders anziehend war offensichtlich die Kinderarbeit der
Methodisten. Bereits im Jahr 1901 erfahren wir aus einem Bericht an die Vierteljährliche
Konferenz, dass in Neudorf 43 Kinder und in Crottendorf und Sehma je 26 Kinder
die Sonntagschulen besuchen. Gerade diese Arbeit war es auch, die immer wieder
Anlass für Anzeigen und in deren Folge Strafen führte. Im Jahr 1902
treten in Neudorf infolge einer Anzeige und damit verbundenen Geldstrafe 14
Erwachsenen und 10 Kindern von der Landeskirche zur Methodistenkirche über.
Das Verhältnis zu dieser hatte sich unter Pfarrer Richard Schulz, der
seit 1900 evangelischer Ortspfarrer war, eher verschlechtert. 1904 wurde Johannes
Schäuble sen. Aufsichtsprediger des Annaberger Bezirkes. Ca.400 Glieder
und Probeglieder zählte er damals. Zur Unterstützung arbeiteten
stets Hilfsprediger auf den großen Bezirk.Seit dem 22.Oktober 1905 werden
auch in Cranzahl regelmäßig Versammlungen gehalten.In Crottendorf
wird 1907 die über 500 Besuchern Platz bietende Friedenskirche gebaut
und am 8.Dezember eingeweiht.
Aus Berichten an die Vierteljährlichen Konferenzen erfahren wir, dass
es kurz nach der Jahrhundertwende neben dem Gemischten Chor und dem Orchester,
neben der Sonntagschule und den bei Methodisten üblichen Klassen auch
einen Jugendbund und den Frauenverein gab. 1908 lesen wir, dass 8 Kinder den
kirchlichen Unterricht in Neudorf besuchen. Auch von Gesangsfesten wird berichtet.
Die Gemeinde 1909 vor ihrem Gotteshaus

Paul Süß berichtet am 1.Mai 1910 über die
Sonntagschule Neudorf:
Zahl der Sonntagschüler 60 bis 70, 4 große und 4 kleine Klassen,
eine Bibelklasse. Nur 22 der Sonntagschüler sind Gemeindekinder. 9 Lehrer
sind tätig an der Sonntagschule. Dieselbe steht in einem guten Zustande.
Dem Herrn sei Dank dafür.

Die Sonntagschule 1912 mit Prediger Hermann Melle
1911 hält die Gemeinde Allianzgebetsstunden ab. Allerdings
beteiligt sich die Landeskirche noch nicht daran.
Im gleichen Jahr wird das 10-jährige Jubiläum der Kapelle gefeiert.
Der Annaberger Bezirk hat nunmehr 593 Glieder und Probeglieder in 9 Gemeinden
zwischen Geyer, Mildenau, Neudorf und Crottendorf. Daraufhin beschließt
die Konferenz 1912 die Teilung des Bezirkes. Es entsteht der Neudorfer Bezirk
mit den Gemeinden Cranzahl, Königswalde, Mildenau, Neudorf und Sehma.
129 Glieder und 183 Probeglieder gehören zu diesen Gemeinden.
Erster Aufsichtsprediger wird Hermann Melle. Er hat seine Wohnung noch in
Neudorf (jetzt Karlsbader Straße 201).
1916 kommt A. Swords, der von 1904 bis 1906 als Gehilfe hier war, wieder auf den Bezirk, diesmal als Aufsichtsprediger. Er und alle folgenden wohnen in Cranzahl in der Dorfstraße in dem Haus das heute noch Wohnhaus des Pastors ist. Der Ausbruch des 1. Weltkrieges behindert die Arbeit von Prediger Swords, da dieser Staatsbürger der USA war. 1917 siedelte er vorläufig in die Schweiz über. Den Neudorfer Bezirk übernimmt Alfred Hammer. Das Leid des Weltkrieges geht an unserer Gemeinde nicht vorbei. Von 80 eingezogenen Brüdern des Bezirkes kehren 12 nicht zurück. Sie hinterlassen 10 Witwen mit 19 Kindern.
Die revolutionären Veränderungen des Jahres 1918 verbessern allerdings die rechtliche Situation der Methodisten gewaltig. Der Staat legt der Freikirche keine Beschränkungen mehr auf. Die Sonntagschule kann sich frei entfalten, Veranstaltungen brauchen nicht angemeldet zu werden und die Gottesdienste können gefeiert werden, wann immer das die Gemeinde will. Bis dahin durften diese nur außerhalb der Gottesdienstzeiten der evangelisch-lutherischen Landeskirche stattfinden.
1921 bis 1922 wird die Christuskirche in Sehma gebaut und
1925 kann in Cranzahl die Friedenskirche eingeweiht werden.
1925 wird der Bezirk erneut geteilt. Der Bezirk Neudorf besteht nun aus den
Gemeinden Cranzahl
(58 Glieder und Probeglieder, Neudorf (120 Glieder und Probeglieder) und Sehma
(167 Glieder und Probeglieder).
1926 kommt Paul Fürstenau als Aufsichtsprediger auf den Bezirk. Die Gemeinde feiert 1928 ihr 50-jähriges Bestehen. Da der Platz in der Methodistenkapelle bereits bei normalen Sonntagsgottesdiensten kaum noch ausreicht, hatte man dazu das Missionszelt der Methodistenkirche nach Neudorf geholt und auf dem Platz vor der Turnhalle aufgebaut. An den Jubiläumssonntagen war das Zelt übervoll und auch in der Woche hörten viele Menschen das Wort von der Erlösung.
Die Platznot in der Kirche drängt die Gemeinde zu einem
Erweiterungsbau. Zu Evangelisationsabenden sollen bis zu 300 Leute in der
lediglich 150 Plätze bietenden Kapelle versammelt gewesen sein. In einer
Zeit höchster wirtschaftlicher Schwierigkeiten entschließt man
sich deshalb, die Kirche nach den Plänen von Kirchenbaumeister Paulus
Zeuner zu erweitern. Am 6. Juni 1932 wurde der Grundstein gelegt und am 30.
August des gleichen Jahres feierte die Gemeinde die Einweihung der Kirche.
Seitdem heißt unsere Kirche Zionskirche. Die Baukosten betrugen 36555
RM. Im Evangelist vom 25.9.32 lesen wir:
Am Einweihungstage versammelte sich die Gemeinde mit ihren Freunden um
9 Uhr vor der schmucken Kirche.
In feierlicher Weise übergab Kirchenbaumeister Paulus Zeuner den Schlüssel
an Bruder Paul Fürstenau. Dieser öffnete die Tür mit den Worten
„Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der
König der Ehren einziehe“ Und die Gemeinde zog hinein in ihr neues
Gotteshaus, während der Posaunenchor den Choral spielte. “ Ein
feste Burg ist unser Gott...“. Im Mittelpunkt des Festgottesdienstes
stand die Predigt von Alfred Hammer aus Berlin über 1. Petrus 2,5. Sie
enthielt die Aufforderung an die Gemeinde: „Baut in und mit dem neuen
steinernen Gotteshaus einen geistlichen Gottesbau ! Werdet zu diesem Zweck
heilige Priester Gottes. Dann wird ein Gottesbau entstehen, der dieses 2.
Gotteshaus überdauern wird. Dass der Gottesdienst mit lieblicher Musik
und herrlichen Gesängen umrahmt war, versteht sich bei Methodisten von
selbst.


Der Posaunenchor vor der Zionskirche zur Einweihung 1932

Kirchsaal der Zionskirche 1932
Eine Feier der Sonntagschule, ein Platzkonzert des Bezirksposaunenchores , ein Festgottesdienst am Nachmittag, der mit Lautsprechern ins Freie übertragen wurde, weil die neue Kirche mit 400 Sitzplätzen übervoll war, und ein Gesangsgottesdienst am Abend ausgestaltet von den Chören des Gemeindebezirkes vervollständigen den Weihesonntag. Zum Festgottesdienst am Nachmittag überbringt Bürgermeister Bauer die Grüße der Gemeinde Neudorf und es werden Grußschreiben der evangelisch- lutherischen Landeskirche und der landeskirchlichen Gemeinschaft verlesen. Seitdem 1930 Pfarrer Lüpfert der Landeskirche in Neudorf vorstand, hatte sich das Verhältnis zwischen unserer und der evangelisch-lutherischen Gemeinde spürbar verbessert. Während der Umbauarbeiten fanden die Gottesdienste unserer Gemeinde im Speiseraum der Spindelfabrik statt.
Die Sonntagschule hatte dank der seit 1918 bestehenden Religions- und Versammlungsfreiheit aber auch durch die von vielen seiner Sonntagschüler bewunderten Arbeit von Paul Süß und vielen Helfern, die in der Sonntagschule unterrichteten und den Segen, den Gott auf dieses Werk legte, einen gewaltigen Aufschwung genommen. War es für Nichtmethodisten bis 1918 noch strafbar gewesen, die Sonntagschule zu besuchen, gehörte es 1930 schon fast zum guten Ton, die Sonntagschule der Methodisten zu besuchen. Über 100 Kinder kamen jeden Sonntag zur Sonntagschule. Die Sonntagschulfeste glichen wahren Volksfesten. Unter Marschmusik zog die Gemeinde mit den Kindern von der Zionskirche zur Festwiese in der Nähe der Vierenstraße.

Die Sonntagschule 1935 auf der Festwiese an der Vierenstraße
Seit 1934 und währen der Zeit des 2. Weltkrieges betreute Prediger Heinrich Putzke unseren Bezirk. Infolge des kriegsbedingten Predigermangels musste er von Cranzahl aus auch die Bezirke Königswalde und Annaberg mit übernehmen. Nur dank aufopferungsvoller Mitarbeit vieler Laien war dies überhaupt möglich.
Auch der 2. Weltkrieg hinterließ in der Gemeinde viel Leid, Not und Trauer. Eine große Anzahl unserer Kirchenglieder wurden zum Kriegsdienst eingezogen und eine ganze Reihe kehrte nicht zurück. Die Gemeinschaft der Gemeinde, das Wort Gottes und die aktive Solidarität der Geschwister halfen in mancher Not. Der Ort selbst war von Kriegshandlungen , von einige Luftkämpfen und Angriffen von Tieffliegern kurz vor Kriegsende abgesehen, verschont geblieben. Trotz des Krieges konnte Heinrich Putzke am Ende seiner Dienstzeit auf dem Bezirk im Jahr 1949 einen Zuwachs an Gliedern und Probegliedern um 45 registrieren.
1953 feiert die Gemeinde Neudorf ihr 75-jähriges Jubiläum. Zu diesem Anlass hatte Max Frei einige Aufzeichnungen über die Entstehung der Gemeinde verfasst und der Gemeinde verlesen. Zum Festgottesdienst am Nachmittag, der von den Sängerchören des Bezirkes und dem Posaunenchor von Neudorf ausgestaltet wird, überbringt auch Pfarrer Locke Grüße von der evangelisch-lutherischen Kirchegemeinde. Prediger Ewald Böttger, der seit 1949 den Bezirk leitete, veranlasst 1954 eine grundlegende Umgestaltung des Innenraumes der Zionskirche. Altar, Kanzel und Taufstein und das farbige Fenster im Altarraum stammen aus dieser Zeit. Während der Renovierung fanden unsere Gottesdienste im Saal der landeskirchlichen Gemeinschaft statt.
Noch 1954 wurde Ewald Böttger versetzt und Pastor Waldemar Blum übernahm den Bezirk.
Von 1952 bis 1965 tat Diakonisse Schwester Ilse Zeh einen außerordentlich segensreichen Dienst an Kranken und Gesunden, Kindern und älteren Geschwistern.

Der Besuch der Sonntagschule war in den ersten Jahren nach
dem Weltkrieg durch die bessere Kinderarbeit der Landeskirche und auch als
Ergebnis geburtenschwacher Jahrgänge erheblich zurückgegangen. Doch
in den Jahren 1960 bis 1965 füllen wieder oft über 70 Kinder die
Sonntagschule. Auch Sonntagschulfeste werden wieder an verschiedenen Stellen
des Ortes gefeiert, u.a. auf dem Grundstücken von Gotthard Löser
und später von Karl Bach.
Die große Freiheit der Weimarer Republik gab es weder während der
nationalsozialistischen Diktatur noch in der sozialistischen DDR. Veranstaltungen
außer den normalen Gottesdiensten mussten wieder angemeldet werden .
Besonders wurde dies immer dann auch durchgesetzt, wenn etwas außerhalb
der Kirche geschehen sollte.
1966 wird Werner Barth leitender Pastor auf dem Bezirk.
Im April 1970 kann die schöne Jehmlich-Orgel eingeweiht werden. Neben Gottfried Leonhardt, der bereits viele Jahre vorher den Organistendienst mit dem Harmonium getan hatte und diesen bis zu seinem Tode 2001 weiter verrichtete, wird Reinhard Seidel Organist. In Pastor Barths Amtszeit fällt die erste Übertragung eines Gottesdienstes aus der Neudorfer Zionskirche am 5.Juni 1978 über Radio DDR. Der Gottesdienst war am 22.Mai 1978 aufgezeichnet worden.


Von 1977 bis 1999 wird der Neudorfer Bezirk, der zu den mitgliederstärksten Bezirken der Konferenz der DDR und jetzt der Ostdeutschen Konferenz gehört, von zwei Pastoren betreut.

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Die Pastoren Werner Barth und Gerhard Förster
mit Bischof Armin Härtel 1978 |
Festgottesdienst zu Gemeindejubiläum 1987 |
1978 feiert die Gemeinde ihr 100 – jähriges Bestehen. Am 1.Oktober wurde die Jubiläumswoche mit einen Festgottesdienst mit Bischof Armin Härtel eröffnet. Die Festwoche enthielt ein umfangreiches Programm.

Schon 1978 gab es auch den Versuch, eine Partnerschaft zum Bezirk Marl – Recklinghausen aufzubauen. Gerade an diesem Vorhaben wird deutlich, wie schwierig es war, Verbindungen zum freien und demokratischen Teil Deutschlands, der Bundesrepublik zu pflegen oder gar zu knüpfen. Während Besuche von DDR- Gemeinden oder Gruppen von ihnen im Westen ohnehin unmöglich waren, wurden auch die Bemühungen, durch Besuche in West – Ost – Richtung von den Staatlichen Stellen durch Verweigerung der Einreise behindert. So hatten 1978 von etwa 15 Jugendlichen, die vom Bezirk Recklinghausen nach Neudorf kommen wollten lediglich 4 eine Einreise bewilligt bekommen. Erfolgreicher war der 2. Versuch zur Herstellung einer Partnerschaft im Jahre 1989 mit der Gemeinde Heilbronn – Böckingen von der Süddeutschen Konferenz. Zur Feier des 100-jährigen Bestehens unseres Posaunenchores war ein großer Teil des Böckinger Posaunenchores nach Neudorf gekommen. Zwar musste noch immer der mühsame Weg der Anträge und der Einreisegenehmigung beschritten werden und es gab die erniedrigenden Grenzkontrollen, aber die Perostroika der Sowjetunion und der damit ausgelöste Druck der Bevölkerung der DDR auf die SED und die Regierung waren Gründe, weshalb diesmal die Einreise genehmigt wurde. In das Jahr 1989 fällt die Auflösung des „eisernen Vorhangs“ zwischen Ost- und Westeuropa zunächst in Ungarn, verbunden mit einer einsetzenden Massenflucht von Ostdeutschen über Ungarn und schließlich über die Botschaften der BRD in Prag, Budapest und Warschau und die Massendemonstrationen zunächst als Montagsdemos in Leipzig und später in fast allen Städten der DDR, die schließlich als friedliche Revolution in die Geschichte eingehen sollten, und am 11.November zum Fall der Berliner Mauer und der bestgesichertsten Grenze und damit zum Untergang des kommunistischen Machtsystems in Europa führten. Die Gemeindepartnerschaft zwischen Neudorf und Böckingen besteht bis heute und wird durch regelmäßige Besuche von Dienstgruppen oder Gemeindegruppen in beide Richtungen gepflegt.
1990 war der Bezirk Konferenzgastgeber. Die letzte Jährliche Konferenz der DDR fand 1990 in Cranzahl statt. Die Konferenz tagte das erste und einzige Mal in der 40-jährigen Geschichte der DDR in einem nichtkirchlichem Gebäude, nämlich im Turnerheim Cranzahl (damals: Haus der Freundschaft).
Auch auf unsere Gemeinde hat dieser politische Umschwung Auswirkungen. Einerseits verschwanden die Diskriminierungen von Christen in den Schulen, in den Institutionen, in Betrieben und im gesamten gesellschaftlichen und politischen Leben. Die Kirche erlangte die Betätigungsfreiheit, wie sie diese im Westen Deutschlands seit dem Ende des 2. Weltkrieges besaß. Es ändern sich in den Folgejahren die durch die deutsche Spaltung erzwungenen Kirchenstrukturen. Die Zentralkonferenz DDR verschwand und vieles, was damit zusammenhing. In Neudorf wird dies spürbar, denn der letzte Direktor des theologischen Seminars unserer Kirche in der DDR in Bad Klosterlausnitz Pastor Wolfgang Ruhnow wird 1991 leitender Pastor des Bezirkes.

Die Gemeinde 1991 zum 100-jährigen Jubiläum der Zionskirche
Mit dem Zusammenbruch der DDR verschwanden leider jede
Menge Arbeitsplätze auch im Sehmatal durch die Liquidation ganzer Betriebe
und dramatische Arbeitsplatzreduzierungen in anderen. Die auch entstehenden
neuen Arbeitsplätze in Handwerk und Industrie können dies bei
weitem nicht ausgleichen. Folge davon ist die Abwanderung insbesondere junger
Leute in westliche Bundesländer. Trotzdem erweisen sich gerade unsere
Gemeinden als beständige und mit allen Dienstgruppen fortbestehende
stabile Gemeinschaften in einer Zeit, in der sich für fast alle im
Osten Deutschlands ihre Lebensumstände gewaltig verändern. Voller
Dankbarkeit können wir feststellen, dass gerade auf unserem Bezirk
der Rückgang an Kirchengliedern, Kirchenangehörigen und Gemeindekindern
eher geringer ist als in den meisten Bezirken der Ostdeutschen Jährlichen
Konferenz.
Zum Gemeindebezirk Neudorf gehörten am 1.1.2003 373 Kirchenglieder,
191 erwachsene Kirchenangehörige und 91 Kinder. Damit ist der Bezirk
derjenige mit der größten Anzahl an Kirchengliedern und Kirchenangehörigen
der OJK. Dies trifft auch für die Anzahl der Gemeindekinder zu.
Davon gehörten zur Gemeinde Neudorf zum gleichen Zeitpunkt 129 Kirchenglieder,
59 erwachsene Kirchenangehörige und 34 Kinder.
Seit der Entstehung der Gemeinde erwies sich Sonntagschule, das heißt, die fast ausschließlich durch Laienmitarbeit getragene Arbeit mit Kindern als wichtigste und aktivste Dienstgruppe der Gemeinde. Gerade durch diese Arbeit gelang es sowohl in den Gründerjahren der Gemeinde aber auch bis hinein in die jüngste Vergangenheit und die Gegenwart, gemeindefremde Kinder auch Kinder von nicht christlichen Eltern zu erreichen. Sonntagschulleiter war bis etwa 1930 Paul Süß, von1930 bis 1950 Max Schmiedel , dann Kurt Huß und von 1956 bis zu seinem Tod 1963 Christoph Frei . Von 1963 bis 2001 leitete Willy Welsch die Sonntagschule und seitdem Tobias Frei.
Mit gleicher Kontinuität und Treue dient seit dem
Jahr 1884 der Gemischte Chor unserer Gemeinde. Wir erleben, dass der Chor
jeden Sonntag seinen Dienst tut und die Gemeinde durch das gesungene Evangelium
erfreut.
Etwa 25 Sängerinnen und Sänger im Alter zwischen 15 und 82 Jahren
gehören heute zum Chor und bereiten sich wöchentlich auf diesen
Dienst in Übungsstunden vor. Seit 1884 ist dieser Chor Mitglied des
Christlichen Sängerbundes, der Vereinigung freikirchlicher Gemeindechöre,
die 1879 gegründet worden war.
Chorleiter waren Laudon Schmiedel, Gustav Schmiedel, Paul Schmiedel, Eduard
Löffler, Max Leonhardt, und Joachim Frei (1950 bis 1992). Seitdem ist
Reinhard Seidel Chorleiter.
Bereits 1889 wird der erste Bläserchor gegründet.
Er entwickelt sich recht schnell zu einem leistungsfähigen Orchester
mit Bläsern und Streichern. Mit einer kurzen kriegsbedingten Unterbrechung
durch den Zweiten Weltkrieg
musizierte dieses Orchester für die Gemeinde bis 1924. Überbesetzung
der Blechbläser und wohl auch Meinungsverschiedenheiten führten
dazu, dass etliche Bläser das Orchester verließen. Das Orchester
spielte nun in
verminderter Besetzung weiter und existierte mit kurzer Unterbrechung durch
den 2. Weltkrieg als Streichchor bis 1967. Zuletzt geleitet durch Max Leonhardt.

Streichchor 1958
Seit 1928 setzt ein Posaunenchor die Tradition des Bläserchores bis heute fort. 20 Bläser gehören 2003 zu diesem Chor. Posaunenchorleiter waren seit 1928: Max Heidler, Kurt Huß , von 1954 bis 1989 Max Seidel, zwischen 1991 und 1996 Reinhard Seidel, seitdem Franko Benedikt. Seit 1934 ist der Chor Mitglied des freikirchlichen Posaunenverbandes, des BCPD.
Posaunenchor

1968

1984

1990
Weitere musikalische Gruppen erfreuen die Gemeinde immer wieder zu festlichen Gottesdiensten.
Der kurz nach 1900 gegründete Frauenverein existiert heute noch als Dienstgruppe des Frauenwerkes und auch der etwa um die gleiche Zeit gegründete Jugendbund findet seine Fortsetzung in der regelmäßigen Jugendstunden, die gegenwärtig auf der Ebene des Gemeindebezirkes stattfinden.

Frauenverein um 1932
Seit 1984 gibt es einen Jugendchor des Bezirkes . Die Gemeindegruppen,
die als Klassen wichtiger Bestandteil des methodistischen Gemeindelebens waren,
gibt es leider in ihrer eigentlichen Form nicht mehr. Allerdings trifft sich
in Abständen ein Ehekreis.
Die Gottesdienste der Gemeinde finden regelmäßig an jedem Sonntag
statt und sind mit 80 bis 100 Personen recht gut besucht. Parallel dazu werden
die Kleinkinder in den unteren Gemeinschaftsräumen der Kirche betreut.
An jedem Sonntag versammeln sich auch die Kinder nach dem Gottesdienst der
Erwachsenen zum Kindergottesdienst.
Die evangelisch-methodistische Kirche in Neudorf ist eine von drei evangelischen Gemeinden im Ort, die sich gemeinsam von unserem Herrn Jesus Christus beauftragt wissen, die frohe Botschaft vom Erlösungswerk Gottes allen Menschen des Ortes in verschiedener Art und Weise nahe zu bringen. Nach 125 Jahren ist dieser Auftrag so aktuell wie zur Zeit der Entstehung der Gemeinde. Möchten unsere Gottesdienste, unsere Verkündigungsformen in Wort und Lied und im überzeugenden Handeln unserer Gemeinde und dem Leben aller, die zu ihr gehören, diesem Auftrag gerecht werden. In dem Maße, wie wir das zu Gottes Ehre tun, wird uns auch sein Segen begleiten.
Hauptamtliche Mitarbeiter
| Dienstzeit | Aufsichtsprediger | Dienstzeit | Hilfsprediger | Bezirk |
| leitender Pastor | 2.Pastor | |||
| Gemeindeschwester | ||||
| Gemeindereferentin | ||||
| 1879 | Herrmann Kehl | Schwarzenberg | ||
| 1880 - 1882 | Carl Heinrich Burkhardt | Chemnitz | ||
| 1882 - 1886 | Carl Heinrich Burkhardt | 1886 - ? | H. Günther | Schwarzenberg |
| 1886 - 1890 |
Ernst Puklitzsch | Schwarzenberg | ||
| 1890 - 1895 | Engelbert Wunderlich | 1890 | Richard Naundohr | Schwarzenberg |
| 1891 | Arno Jakob | |||
| 1892 | Weber | |||
| 1895 - 1897 |
Hermann Böttger |
1893 - 1896 | Bergmann | Schwarzenberg |
| 1897 - 1899 | Arthur Voigt | Annaberg | ||
| 1899 - 1904 | Oskar Lindner | 1903 - 1904 | Adam Reuße | Annaberg |
| 1904 - 1909 | Johannes Schäuble sen. | 1904 - 1906 | A. Swords | Annaberg |
| 1907 - 1908 | F. Dürr | |||
| 1908 - 1909 | A. Schmalfuß | |||
| 1909 - 1912 | Johannes Rohr | 1908 - 1909 | H. Schmeißler | Annaberg |
| 1909 - 1911 | Alfred Hammer | |||
| 1911 - 1912 | M. Wiedemann | |||
| 1912 - 1916 | Hermann Melle | Neudorf | ||
| 1916 - 1917 | A. Swords | Neudorf | ||
| 1917 - 1921 | Alfred Hammer | Neudorf | ||
| 1921 - 1922 | Hugo Georgi | 1921 - 1922 | Martin Georgi | Neudorf |
| 1922 - 1926 | Alfred Lätzsch | Neudorf | ||
| 1926 - 1934 | Paul Fürstenau | Neudorf | ||
| 1934 - 1949 | Heinrich Putzke | Neudorf | ||
| 1949 - 1954 | Ewald Böttger | 1952 - 1965 | Ilse Zeh | Neudorf |
| 1954 - 1966 | Waldemar Blum | 1965 - 1966 | Erna Korn | Neudorf |
| 1966 - 1982 | Werner Barth | 1967 - 1969 | Anni Baierlein | Neudorf |
| 1976 - 1978 | Gerhard Förster | 1978 - 1984 | Andreas Wiederanders | Neudorf |
| 1982 - 1991 | Klaus Morgenroth | 1984 - 1988 | Andreas Günther | Neudorf |
| 1988 - 1990 | Stefan Ringeis | |||
| 1991 - 2001 | Wolfgang Ruhnow | 1990 - 1993 | Christhard Rüdiger | Neudorf |
| 1993 - 1996 | Olf Tunger | |||
| seit 1997 | Claudia Küchler | |||
| Seit 2001 | Gerhard Förster | Geb. Mehlhorn | Neudorf |
Von John Wesley, dem Gründer des Methodismus, wissen wir, dass die Begegnung mit tiefgläubigen Geschwistern der Herrnhuter Brüdergemeine einen nachhaltigen Eindruck auf sein Leben hinterließ. Das getroste Verhalten der Herrnhuter während eines Sturms bei seiner Atlantiküberfahrt 1735 ließ in Wesley das Fragen nach seinem Glauben aufkommen. Während er von Todesangst befallen war und andere Passagiere vor Schrecken und Furcht schrieen, sangen die Herrnhuter „ Befiehl du deine Wege ...“.
Der Herrnhuter Prediger Peter Böhler war es schließlich, der Wesley durch seine Schriftauslegung den Weg zu seiner Bekehrung in der Versammlung in der Adlergatestraße in London führen sollte. Diese Erlebnisse lassen einiges von dem Einfluss erkennen, den diese deutsche Erweckungsbewegung auf die Entstehung des Methodismus hatte.
Herrnhuter Geschwister , die infolge des Rückganges der Herrnhuter Diasporaarbeit etwa ab der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr betreut wurden, waren es, die 1878 den Kern der entstehenden Methodistengemeinde in Neudorf bildeten. Bereits seit etwa 1840 kamen diese Geschwister im „Benediktschen Haus“ ( jetzt Karlsbader Straße 184) zu Privatversammlungen zusammen.
Sogar das Gerichtsamt Oberwiesenthal befasste sich mit dieser Angelegenheit und beauftragte den Neudorfer Pfarrer Petzold für die Abstellung dieser „Konventikel“ zu sorgen. Er sollte vorschlagen,
wie man das Übel bis auf den Grund ausrotten kann, denn Euer Hocherwürden ist selbst bekannt, dass bei der Reitzbarkeit der Einwohner hießiger Pflege, den besonderen Verhältnissen, in denen Sie leben, die es nicht gestatten, das die Nüchternheit des Verstandes auf irgendeine Weise getrübt und umnebelt werde, bei der geringen Auswahl und Unzulänglichkeit der Mittel, die sie für die Erreichung ihres Lebenszweckes besitzen, alles dasjenige beseitigt und entfernt gehalten werden muss, was ihren Frieden stören, sie von einem arbeitsamen Leben, ohne welches es kein Heil für sie gibt, abführen und statt die ohnehin noch bei den Meisten im Kindesalter stehenden Anlagen und Gaben ihres Geistes zu entwickeln, vielmehr zu einem, gewöhnlich von Mutlosigkeit begleiteten Hinbrüten über Ihre Verhältnisse oder auch zu einem völlig nutzlosen Grübeln über Glaubensdogmen fortwährend anregen kann.
Petzolds Nachfolger, Pfarrer Dillner , der sich 1853 erneut nach Aufforderung des Oberwiesenthaler Gerichtsamtes mit der Angelegenheit befassen musste, stellte herrnhutische Einflüsse bei den Versammlungen im „Benediktschen Hause“ fest. Die Tradition unserer Gemeinde reicht also mindestens 30 Jahre über die Begegnung mit der methodistischen Erweckungsbewegung hinaus. Bereits 1846 bei der Aufforderung zur Ausrottung des Übels an Pfarrer Petzold waren die Versammlungen im „ Benediktschen Hause“ ausdrücklich erwähnt worden.
Im Jahre 1878 bekam der methodistische Bibelbote August Schmidt, auch Bibel-August genannt mit den Herrnhuter Diasporageschwistern im Haus der Eheleute Benedikt in Neudorf in Kontakt. Der Bibel-August hatte seit 1875 im benachbarten Walthersdorf Versammlungen abgehalten. Außer in Neudorf traf August Schmidt auch im Bärensteiner Ortsteil Stahlberg auf eine Gruppe von Christen, die sich außerhalb der Kirche oft trafen um über Dinge des Glaubens zu sprechen. Man versammelte sich dort im Hause von Laudon Schmiedel, der wenig später selbst nach Neudorf zog. Bemerkenswert ist, das die Stahlberger Geschwister umgehend einen „Verein für christliche Liebestätigkeit zu Stahlberg und Umgebung“ gründeten. Damit sollte ein legales Zusammenkommen auf der Basis des Vereinsrechtes möglich werden. August Schmidt war wohl durch ein in Walthersdorf und an anderen Orten verhängtes Versammlungsverbot zu diesem Schritt gekommen. Der Verein hatte das Recht, regelmäßig sonntags 15 Uhr zu Versammlungen zusammenzukommen und Freunde einzuladen. Zwischen dem Stahlberger Verein und den Neudorfer Geschwistern bestanden feste Verbindungen. Die Neudorfer besuchten die Versammlungen in Oberbärenstein und trafen sich regelmäßig montags im Benediktschem Haus. Auch im Neudorfer Unterdorf besuchte der Bibel-August Versammlungen im Zierold-Haus (jetzt Karlsbader Straße 10). Zunächst gab es auch in Unterwiesenthal und in Cranzahl ähnliche Zusammenkünfte, die aber bald unterblieben. Dafür wuchs der Neudorfer Kreis und die Verbindung zur Methodistenkirche, die durch Amerika-Rückwanderer nach Sachsen gekommen war, wurden gefestigt.

August Schmidt
Bibel August
Bereits 1879 besuchte der erste methodistische Prediger die Versammlungen in Neudorf . Es war Prediger Hermann Kehl, der 1879 nach Schwarzenberg versetzt worden war. Am 8.November 1879 wurden in Neudorf die ersten Probeglieder in die Bischöfliche Methodistenkirche aufgenommen.
Im Jahr 1880 wurde der Chemnitzer Bezirk der Methodistenkirche gebildet, dem neben einigen Gemeinden aus der Zschopauer Gegend auch die obererzgebirgischen Gemeinden Walthersdorf, Stahlberg und Neudorf zugeteilt wurden. Prediger Carl Heinrich Burkert betreute den Bezirk von Chemnitz aus von 1880 bis 1882.
Im Juli 1882 verbot die Annaberger Amtshauptmannschaft die Vereinsversammlungen des Stahlberger Liebestätigkeits-Vereines, weil er nur methodistische Agitation betreibe. Sie stellte dazu fest:
Überhaupt gewinnt es den Anschein, als wenn der gedachte Verein den durch seine Statuten ihm vorgeschriebenen Hauptzweck, christliche Liebestätigkeit zu üben, fast ganz und gar aus dem Auge verliert und seine Aufgabe hauptsächlich die Veranstaltung von Versammlungen sein lässt, in welchen er
den Methodisten willig, wenn nicht geflissentlich Gelegenheit gibt, Proselytenmacherei zu betreiben .
In einer vom Kultusministerium in Dresden angeordneten Vernehmung der beiden Prediger Burkhard, der seit 1882 von Schwarzenberg aus die Stationen Neudorf und Stahlberg betreute, und Ernst Schmidt der den Chemnitzer Bezirk übernommen hatte, betonten diese, dass die Vereinsversammlungen stets gemäß den Statuten abgehalten worden wären. Die Kreishauptmannschaft Zwickau betrachtete in Ihrem Bericht an das Kultusministerium die Abhaltung methodistischer Gottesdienste trotzdem als erwiesen.
... da diese Versammlungen ausschließlich religiöse Vorträge zum Zwecke hatten, mit gemeinsamen Gesängen unter Benutzung geistlicher Liederbücher und mit Gebet eingeleitet und geschlossen wurden, mithin den Charakter von Gottesdiensten haben...
Von einer Bestrafung sah das Kultusministerium aus Mangel an Beweisen ab.
Der Gesang, besser das Abhalten von Singstunden in Neudorf sollte jedoch nur zwei Jahre später zur empfindlichen Bestrafung von Bruder Carl Friedrich Laudon Schmiedel führen. Je 30,-- Reichsmark für 2 Singstunden an Wochentagen und 40,- RM für eine am Sonntag abgehaltene war das Strafmaß. Zusammen mit den Gerichtskosten ergaben sich für C.F.L. Schmiedel ein Gesamtschaden von etwa 200 RM. Die Höhe der Strafe kann man ermessen, wenn man bedenkt, das im „Evangelisten“, dem damaligen Kirchenblatt der Methodisten, Spenden von 20,25 und 30 Pfennigen als Liebesgaben für Bruder Schmiedel quittiert wurden. Möglicherweise waren dies die teuersten Singstunden in der methodistischen Sängerarbeit, die damals am Beginn des Wirkens unseres Kirchenchores standen. Neben der Veröffentlichung des Straffalls Schmiedel durch den Sängervater des deutschen Methodismus Ernst Gebhard im „Evangelist“ am 6.12.1984 und im „Sängergruß“, hatte dieser den Vorfall auch im Bericht vom 25.Oktober an die Distriktsversammlung erwähnt In einem „Kurzen Rückblick auf die Entstehung des Methodismus in Neudorf“, eines durch Ernst Süß an die III. Vierteljahreskonferenz des Annaberger Bezirkes 1912 gegebenen Berichtes lesen wir: Das Ergebnis war, dass wir aus 5 Erdteilen 500 RM zur Tilgung dieser Strafe erhielten. Die angestrebte Wirkung, die methodistische Bewegung einzudämmen oder gar zu beseitigen, wurde durch dieser Strafe nicht erreicht. Im Gegenteil: Die Strafmaßnahme und eine durch Pfarrer Adolf Kummer abgehaltenen Hausväterversammlung, in der vor der Beteiligung an den Konventikeln öffentlich gewarnt wurde, führten dazu, dass
am 18.März 1884 die ersten 8 Neudorfer ihren Austritt aus der evangelisch- lutherischen Landeskirche erklärten , um am 25.März als Glieder in volle Verbindung in die bischöfliche Methodistenkirche eintreten zu können. Pfarrer Kummer beschreibt diesen Vorgang in seiner Chronik der Parochie Neudorf, die er 1899 zum 300-jährigen Bestehen der Ortskirche verfasste. Im Jahr 1884 traten insgesamt sogar 22 und in Bärenstein (Stahlberg) 8 Personen aus der Landeskirche aus und der Methodistenkirche bei. Im methodistischen Kirchenbuch tauchen in Neudorf die Namen Köhler, Oeser, Süß, Seidel und Benedikt auf und in Stahlberg tritt die gesamte Familie des Laudon Schmiedel der Methodistenkirche bei. Im April 1885 stellt Philipp Lutz, der Prediger des Zwickauer Bezirkes für eine Reihe von Orten, u. a. auch für Neudorf den Antrag auf Anschluss an die Gesellschaften des Zwickauer Bezirkes der Methodistenkirche in Sachsen.
Im November erteilt das Kultusministerium die Befugnis,
die auf der Eigenschaft eines methodistischen Predigers beruhenden geistlichen Amtshandlungen, jedoch mit Ausschluss von Gottesdiensten vorzunehmen .
Die Zusammenkünfte der Methodisten durften damit nur den Charakter von Hausandachten tragen, wobei die Anwesenheit gemeindefremder Personen untersagt war.
Zur besseren Betreuung der Neudorfer Gemeinde wohnte damals Prediger-Gehilfe H.Günter in Neudorf. Die Stube im Haus von Christiane Wilhelmine Benedikt konnte die Versammlungsbesucher nicht mehr aufnehmen. Ernst Süß schreibt dazu:
Da forderte mich Schwester Demmler auf, ein Haus zu bauen, aber ich hatte kein Geld. Nachdem sie auch für das Finanzielle gesorgt hatte , fing ich zu bauen an. Durch Gottes Gnade konnten wir zum Kirchweihfest 1886 den Saal einweihen.
Der Saal befand sich im Haus am Bahnhof ( heute Karlsbader Straße 213, Haus von Edgar Haase ).
In diesem Saal begann man auch mit der Kinderarbeit. Über den schwierigen Start der methodistischen Sonntagschule in Neudorf berichtet Ernst Süß:
Nachdem wir einige Zeit Sonntagschule gehalten hatten, beschwerte sich der Ortsbürgermeister und ein Gemeinderatsmitglied darüber. Als auch dies nichts half, erschien schließlich die Polizei mit dem Bürgermeister und schrieben die Kinder auf, die die Sonntagschule besuchten. Dabei wurde so geflucht und mit gemeinen Redensarten herumgeworfen, dass sich alle Anwesenden in höchster Aufregung befanden. Schließlich sagte Vater Schmiedel ; wenn das seine Majestät wüsste, wie sich seine Beamten benehmen, würde er bestimmt anders verfahren, und ich fügte hinzu, dass ich das Fluchen in meinem Hause nicht dulde. Daraufhin wurden wir angezeigt.
Vor Gericht wurden 2 der 3 vorgeschlagenen Zeugen wegen verwandtschaftlicher Beziehungen zu den Angeklagten abgelehnt und schließlich Ernst Süß und Laudon Schmiedel zu je 14 Tagen Gefängnis verurteilt. Ein Gnadengesuch bewirkte, dass die Strafe in 300 Reichsmark Geldbuße umgewandelt wurde. Doch auch diese Verfolgungen hielten die Entwicklung der Gemeinde nicht auf. Die Gemeinde erlebte, dass Strafen und Verfolgung dem Lauf des Evangeliums keinen Einhalt gebieten können. Sie wuchs so schnell, dass bereits vier Jahre nach seiner Einweihung der Saal im Haus von Ernst Süß die Versammlung nicht mehr fassen konnte.
Den Beginn der Arbeit des Posaunenchores können wir auf Grund eines Briefes von Oswald Oeser aus dem Jahr 1967 auf das Jahr 1889 datieren. Die ersten Übungsstunden fanden im Benediktschen Haus statt. Oswald Oeser berichtet darüber:
Wie wir zum ersten Mal bei Mutter Benedikt den Choral „ Wie schön leuchtet der Morgenstern ...“ bliesen und wie wir fertig waren hat alles gelacht. Wir wussten nicht wie wir geblasen hatten. Wir waren 6 bis 8 Bläser, haben uns aber nicht abbringen lassen. In einigen Wochen konnten wir schon ganz schön spielen. Mit der Zeit war der Chor gewachsen und wir hatten den besten Bläserchor im Erzgebirge. Später beteiligten sich neben den Blechbläsern auch Holzbläser und Streicher an dieser Chorarbeit und es entstand ein ordentliches Orchester.
Während in Stahlberg, wohl auch durch das Umziehen einiger Geschwister nach Neudorf das Werk stagnierte und die Versammlungen in Cranzahl und Unterwiesenthal zunächst gänzlich einschliefen, wurde die Gemeinde in Neudorf zum Zentrum des Methodismus im oberen Erzgebirge. Von Neudorf aus wurde 1888 die Gemeinde in Annaberg gegründet und auch an der Entstehung der Gemeinde in Geyer 1889 hatten Neudorfer Methodisten nennenswerten Anteil. So berichtet Max Frei in seinem kurzen Abriss der Gemeindechronik, den er 1953 zum 75-jährigem Gemeindejubiläum gab, dass der Neudorfer Chor sich zur Gründungsfeier der Gemeinde Geyer zu Fuß auf den Weg gemacht hatte, um den Gottesdienst mit auszugestalten. Dieser Gottesdienst war jedoch inzwischen verboten worden und man hielt eine kurze Andacht unter Lärm und Gejohle der Umstehenden. Es kam sogar zu tätlichen Auseinandersetzungen, so dass die Brüder die Schwestern in Ihre Mitte nehmen und Geyer wieder verlassen mussten. Die aufgebrachte Menge verfolgte die Neudorfer Sänger bis nach Siebenhöfen mit Schimpfen und Steinwürfen. Max Frei hatte diese Begebenheit nach mündlicher Überlieferung älterer Gemeindemitglieder nacherzählt. Tatsächlich findet sich im Stadtarchiv Geyer eine Aktennotiz von Wachtmeister Nestler vom 19.1.1889 sowie Schreiben an Methodistenprediger Bank in Annaberg und dem Stadtrat in Geyer die diese tätlichen Ausschreitungen belegen.
Aufsichtsprediger des Schwarzenberger Bezirkes, zu dem Neudorf damals gehörte, war von 1886 bis 1890 Ernst Puklitzsch. 1890 kam Engelbert Wunderlich, der Sohn von Friedrich Wunderlich, des Begründers des sächsischen Methodismus und Vater des späteren Bischofs Dr. Friedrich Wunderlich nach Schwarzenberg.
Die Platznot in den Versammlungen im Haus von Ernst Süß war inzwischen so bedrängend geworden, dass eine neue Lösung gefunden werden musste. Im kurzen Rückblick von Ernst Süß lesen wir dazu:
Dann kam Schwester Demmler wieder zu mir und frug mich, ob sie bei den Geschwistern eine Sammlung für den späteren Bau einer Kapelle ins Leben rufen solle. Ich war damit einverstanden und darauf führte sie die Spenden-Sammlung bei den Geschwistern durch und erreichte eine Summe von 800 Reichsmark. Als ich ihr dann sagen mußte, dass dieser Betrag noch nicht ausreichte, ließ sie sich keineswegs entmutigen, sondern begann von Neuem zu sammeln und erhöhte später die Summe auf 1300 RM. Die wiederholt erwähnte Schwester Demmler, die sich so um die Finanzierung der Versammlungsstätten unserer Gemeinde verdient gemacht hatte, verzog 1901 nach Bernsbach, so dass ich bereits bei meinen Recherchen 1978 niemand mehr finden konnte, der diese Frau noch kannte.
Zunächst suchte man nach einem geeigneten Bauplatz für die Kirche, den man kaufen wollte. Schließlich konnte sich die Gemeinde das Geld dafür sparen, da Wilhelmine Benedikt einen Teil Ihres Grundstückes an die Gemeinde verschenkte. So steht heute unsere Zionskirche unmittelbar neben dem erwähnten Benediktschen Hause, in dem die Gemeinde entstanden war.
Im Frühjahr 1891 wurde ein Lokal-Bau-Komitee für Neudorf bestimmt. Die eingereichten Baupläne wurden der Norddeutschen Jährlichen Konferenz der Methodistenkirche, zu der der Schwarzenberger Bezirk mit Neudorf gehörte, vorgelegt. Sie wurden allesamt abgelehnt. Daraufhin entschloss sich Albert Süß, die Kapelle auf seinen eigenen Namen bauen zu lassen. Ein nicht unbedeutender Gesichtspunkt für die Ablehnung des Baues durch die Konferenz war sicher die Tatsache, dass es zu dem Zeitpunkt für Neudorf noch immer keine Genehmigung zum Abhalten methodistischer Gottesdienste gab. In ganz Sachsen besaßen dieses Privileg damals nur 6 Orte. Im Erzgebirge hatte lediglich Schwarzenberg dieses Vorrecht, weshalb an Festtagen und auch an vielen Sonntagen viele Neudorfer Methodisten zu Fuß nach Schwarzenberg pilgerten. Dort war 1983 die erste Methodistenkirche in Sachsen eigeweiht worden. Mitte des Jahres 1891 begannen die Methodisten in Neudorf, ihre Kapelle zu bauen. Bereits am 11.Oktober des gleichen Jahres konnte sie eingeweiht werden.
Autor: Klaus Heidler
Online gestellt: Martin Benedict



